{"id":69,"date":"2026-07-06T18:35:13","date_gmt":"2026-07-06T16:35:13","guid":{"rendered":"https:\/\/gefangen.lion-of-judah.net\/?p=69"},"modified":"2026-07-06T18:35:14","modified_gmt":"2026-07-06T16:35:14","slug":"gideon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gefangen.lion-of-judah.net\/?p=69","title":{"rendered":"Gideon"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gideon und seine 300<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Mond stand in voller Scheibe und Helligkeit im S\u00fcdosten. Nur ein paar Schleierwolken beeintr\u00e4chtigten die Stahlkraft von Zeit zu Zeit als die beiden M\u00e4nner \u00fcber die Kuppe des letzten H\u00fcgelausl\u00e4ufers des Gilboagebirges krochen, versucht immer im Schutze der wenigen B\u00fcsche zu kauern. Sie ahnten was sie erwarten w\u00fcrde. Der hagere und kleingewachsene Mann, der scheinbar das Kommando in dem ungleichen M\u00e4nnerpaar hatte, schaute seinen h\u00fcnenhaften dunkelh\u00e4utigen Begleiter vielsagend an und deutete mit seinem nur sp\u00e4rlich mit Bart bewachsenem Kinn zu einer Gruppe von Terebinthen am Fu\u00dfe des H\u00fcgels und raunte seinem Begleiter zu: \u201ePura, das sieht aussichtslos aus, aber der HERR hat uns befohlen, dass wir hinuntergehen und die Lage auskundschaften.&#8220; Ja, es schien tats\u00e4chlich aussichtslos, denn unten, im Tal des H\u00fcgels More, lagerte \u00fcber eine Fl\u00e4che von gut 10.000 auf 10.000 Ellen das Heer der Midianiter. Wenn es nicht das feindliche Heer gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte man dieser lauen Nacht und der Atmosph\u00e4re sicherlich etwas abgewinnen k\u00f6nnen. \u00dcberall brannten vor den unz\u00e4hligen Zelten Fackeln. Es roch nach erst k\u00fcrzlich gebratenem Fleisch und Fladenbrot, und noch weit hinter der Kuppe des H\u00fcgels More konnte man im Mondschein den Berg Tabor im Norden erkennen. Aber Tatsache war, dass hier sicherlich 135.000 mit Schwertern, Speeren und Schild ger\u00fcstete, streits\u00fcchtige Krieger der K\u00f6nige von Midian lagerten. Schon sieben Jahre bedr\u00fcckten nun die Midianiter das Volk Israel; jetzt aber schien diese Armee unter den K\u00f6nigen Sebach und Zalmunna Israel den v\u00f6lligen Garaus machen zu wollen und den Abi\u00e4srietern aus dem Stamm Manasse zu allererst, denn aus diesem Geschlecht stammte Gideon. Gideon schauderte ein wenig bei dem Gedanken jetzt hinunterzuschleichen, dort zum Heerlager des Feindes. Aber seit ihm der Engel des lebendigen Gottes vor einiger Zeit pers\u00f6nlich erschienen war und sogar mit ihm gesprochen hatte, wuchs das Zutrauen in die G\u00fcte und die Liebe Jahwes zu seinem erw\u00e4hlten Volk wieder. Auf verschiedenste Art und Weise durfte er in letzte Zeit erfahren wie sein gn\u00e4diger Gott seinen Glauben langsam und behutsam durch gro\u00dfe und kleinere Wunder wiederaufgebaut hatte. Heute wusste Gideon, dass der HERR mit ihm war, denn er f\u00fchlte sich auf seltsame Art vom Geist Gottes umkleidet und innerlich mit Zuversicht ausgestattet. Zuversicht und Glaube an Gottes Wirken im Kampf gegen dieses riesige Heer schien ihm auch durchaus angebracht, denn was hatte Gideon aufzuweisen, was hatte er entgegenzusetzen gegen diese \u00dcberzahl? Der Engel des Herrn hatte ihm, dem Feldarbeiter, zugesichert, dass er das Heer der Midianiter in seine Hand geben w\u00fcrde und er es wie einen Mann schlagen w\u00fcrde. So hatte er in das Horn sto\u00dfen lassen und seine Familie gesammelt, er hatte Boten ausgesendet durch den ganzen Stamm Manasse, durch Asser, Sebulon und Naftali. Und sie waren heraufgezogen, dem feindlichen Heer entgegen. Mit 32.000 mehr oder minder gut ge\u00fcbten und ger\u00fcsteten M\u00e4nnern, im Vertrauen auf Jahwe, den sie angerufen hatten wegen ihrer Not, die die Midianiter doch \u00fcber Israel gebracht hatten, waren sie hinaufgezogen zu dem Lagerplatz in der N\u00e4he der Quelle Harod, direkt am Fu\u00dfe des Berges Gibeon. Doch nun erinnerte sich Gideon mit einem leicht flauen Gef\u00fchl im Bauch, dass dort, wo einstmals 32.000 lagerten, jetzt noch exakt 300 Mann auf seine R\u00fcckkehr von der Auskundschaftung des Feindes warteten. Gideon durfte sich wieder eingestehen, dass es bei diesem Kriegszug weder um seine eigene Ehre noch um Manneskraft gehen w\u00fcrde. Nein, nichts anderes sollte passieren, als dass der lebendige Gott sich selber durch sein Eingreifen verherrlichen w\u00fcrde \u2014 so wie er es schon damals in Refidim getan hatte als Amalek heraufgezogen war um das durch die W\u00fcste ziehende Volk Israel zu vernichten. Der HERR w\u00fcrde auch heute das Banner des Sieges sein! 300 warteten auf seine R\u00fcckkehr, ger\u00fcstet mit Fackeln, H\u00f6rnern und Tonkr\u00fcgen. \u201eWas f\u00fcr eine heldenhafte Truppe&#8220;, ging es Gideon durch den Kopf, \u201ewas f\u00fcr eine heldenhafte Truppe!&#8220; Auserlesen von Gott selber waren diese bereit sich auf seinen Plan einzulassen, auserw\u00e4hlt aus den 32.000 dadurch, dass sie ihren Durst an der Quelle Harod auf eine andere Art stillten als ihre Stammes- und Volksbr\u00fcder. Sie hatten das erfrischende Wasser aus der hohlen Hand geleckt und nicht wie die anderen, knieend, direkt aus dem Bach schl\u00fcrfend. Und diese 300 waren sich nicht einmal bewusst gewesen, dass sie auserw\u00e4hlt w\u00fcrden, bis Gott selber Gideon den Befehl gab sie auszusondern. Diese 300 wollten Jahwe wohl gen\u00fcgen um das Heer der 135.000 zu dem\u00fctigen und zu zerschlagen. Ein Wink von Pura, seinem h\u00fcnenhaften Knecht, riss Gideon aus seinem gedanklichen Ausflug in die vergangenen Stunden. Pura, der Sohn der verwitweten Nachbarin, hatte sich vor wenigen Monaten angeboten als Knecht bei Gideons Familie zu arbeiten, damit seine Mutter jetzt w\u00e4hrend diesen schweren Zeiten des Hungers und der Unterdr\u00fcckung ihre Felder nicht verkaufen m\u00fcsste. Und auch wenn Gideons Familie selber nur gerade genug hatte zum \u00dcberleben, vertrauten sie doch auf Gottes Wort, dass wer seinem Nachbar in der Not hilft dadurch selber keine Not leiden w\u00fcrde. So war sein fr\u00fcherer Kindheitsfreund nun sein Knecht auf Zeit. Nur bis zu dem Zeitpunkt, da er sich wieder w\u00fcrde selber versorgen k\u00f6nnen. Pura schaute Gideon nun fragend an und Gideon nickte ihm beschwichtigend zu. Die beiden krochen nun, sich so dicht wie m\u00f6glich auf den Boden dr\u00fcckend, zu der Gruppe von Terebinthen am Fu\u00dfe des H\u00fcgels. Der HERR hatte ihm den Auftrag gegeben zum Lager zu schleichen um zu lauschen was gesprochen w\u00fcrde. Kaum waren die beiden nah genug zu den Zelten herangekrochen, so, dass sie gerade wagen konnten sich etwas gem\u00fctlicher hinzuhocken und besseren \u00dcberblick \u00fcber die Situation zu bekommen, fingen auch schon zwei Wachen wie auf das Zeichen einer unsichtbaren Macht hin, an sich leise zu unterhalten. Ganz n\u00fcchtern schienen die beiden nicht, denn ihre Stimmen klangen belegt und verz\u00f6gert, vielleicht war es aber auch Angst die im Reden mitschwang: \u201eEldaa, Gott sei mein Zeuge, ich habe vorhin getr\u00e4umt.&#8220;, hob der eine an, gerade laut genug dass die Worte durch den Wind getragen bis an die Ohren der Lauschenden drang; \u201eIch habe getr\u00e4umt, ein Laib Gerstenbrot, hoch wie der Berg Tabor selber, rollte in unser Heerlager und es kam bis an die Zelte der K\u00f6nige und schlug es nieder. Alles wurde zerst\u00f6rt, das ganze Lager hat er \u00fcberrollt und das Oberste nach unten und das Unterste zuoberst geschlagen. Und als der Laib zur Ruhe kam, war alles zerst\u00f6rt und der Laib nicht gr\u00f6\u00dfer als zwei Handbreit\u2026 was das nur zu bedeuten hat?&#8220; Mit stockender Stimme hob nun der eben Angesprochene an: \u201eHamor, du Esel, das ist wohl nichts anderes als das Schwert Gideons, des Mannes von Israel! Gott hat Midian und das ganze Heerlager in seine Hand gegeben! Vielleicht sollten wir dem Heer den R\u00fccken kehren, nur wohin sollen wir fliehen?&#8220; Als Gideon diese Worte der zwei tats\u00e4chlich vor Angst zitternden Wachen h\u00f6rte, fiel er aus seiner hockenden Position voran auf seine Knie, erhob seine Arme andeutend zum Himmel und sendete ein stilles Dankgebet zu seinem anbetungsw\u00fcrdigen Herrn, dem Herrn der Heerscharen. \u201eAuf, zur\u00fcck ins Lager&#8220; raunte Gideon so leise wie m\u00f6glich seinem Freund, Gef\u00e4hrten und Knecht Pura zu. \u201eWir holen die anderen, und dann beweisen wir diesen Mistk\u00e4fern wie recht sie haben. Der HERR hat Midian und seine hochm\u00fctigen Vasallen in meine H\u00e4nde gegeben.&#8220; Euphorisiert schlichen die beiden bis zur Kuppe des H\u00fcgels zur\u00fcck und liefen den Rest des Weges im strammen Schnellschritt in ihr kleines Lager zur\u00fcck. Die aufbruchsbereiten Waffenbr\u00fcder warteten schon unruhig auf ihre R\u00fcckkehr. Als Gideon und Pura in das Lager kamen und Gideon seine Truppe betrachtete musste er unwillk\u00fcrlich wieder innerlich seufzen und er dachte so bei sich: \u201eJa, was f\u00fcr eine heldenhafte Truppe!&#8220; Denn das waren sie auch, heldenhaft und voller Vertrauen, sogar so voll Vertrauen, dass auch keiner der auserw\u00e4hlten K\u00e4mpfer auch nur im Ansatz hinterfragt hatte was Gideon ihnen \u00fcber Gottes glorreichen Plan verk\u00fcndet hatte. Sie w\u00fcrden nur mit leichter Schutzr\u00fcstung aus derbem Leder und bewaffnet mit Fackeln, Tonkr\u00fcgen und H\u00f6rnern losziehen. Die Waffen wie Dolche oder Piken und Schwerter w\u00fcrden sie im Lager zur\u00fccklassen und nach ihrer siegreichen R\u00fcckkehr wieder aufsammeln. Es war alles vorher schon besprochen worden. Auf ein stilles Handzeichen Gideons, das signalisierte, dass alles so ablaufen w\u00fcrde wie geplant, sammelte sich eine Hundertschaft der M\u00e4nner die Pura ausgew\u00e4hlt hatte um Gideon. Zwei weitere Abteilungen \u00e4 jeweils auch 100 Mann sammelten sich um deren bestimmten Anf\u00fchrer. Jeder der Anf\u00fchrer f\u00fchrte ein verdecktes Glutlicht bei sich um die Fackeln seiner jeweiligen Hundertschaft entfachen zu k\u00f6nnen, wenn sie an ihrem jeweiligen Ausgangs- und Eingriffsort angekommen w\u00e4ren. Eine gespannte Stimmung legte sich \u00fcber das Lager. Nur ei K\u00e4uzchen wusste etwas, das jetzt noch erz\u00e4hlt werden musste! Im Mondlicht der mittleren Nachtwache sah man die Gesichter der M\u00e4nner, teils angespannt, teils freudig, aber allesamt mit dem entschlossenen Ausdruck der Bereitschaft. Ein weiteres Handzeichen Gideons setzte die Hundertschaften in Bewegung; zumindest zwei von ihnen. Gideon mit seinen Mannen w\u00fcrde ab jetzt die kleine Sanduhr noch insgesamt f\u00fcnf Mal durchlaufen lassen, bevor auch sie sich in Bewegung setzen w\u00fcrden, denn sie hatten den k\u00fcrzesten Weg zu ihrem Eingriffspunkt. Es war der gleiche Ort wie zuvor der Lauschposten. Arach und Zibja aber w\u00fcrden ihre Abteilungen an Jesreel vorbei, westlich um das feindliche Heerlager herumf\u00fchren. Einen Bogen w\u00fcrden sie beschreiten, der sicher die Zeit einer halben Wachzeit in Anspruch nehmen w\u00fcrde. Arach war schnelles, auf ein Ziel hin konzentriertes Gehen im Gel\u00e4nde gew\u00f6hnt, denn er war \u201eBote zwischen den Orten&#8220;, was bedeutete, dass er t\u00e4glich Nachrichten zwischen den Ortschaften verk\u00fcndete. Das f\u00fchrte dazu, dass er wahrlich ge\u00fcbt im Wandern, auch nachts, war. Was Arach an Kondition hatte, hatte Zibja an Agilit\u00e4t und Flinkheit zu bieten. Er war klein und drahtig, beh\u00e4nde, flink eben. Ein echter Hirte, der seine Herde immer im Blick hatte und sie zusammenhielt. Die beiden Hundertschaften w\u00fcrden sich jetzt zu je hundert nordwestlich des Lagers, nahe der heimischen Ortschaft Ofra, und nord\u00f6stlich am Fu\u00dfe des H\u00fcgels More einfinden und auf das Signalhorn von Gideon warten, welches in dieser klaren Nacht sicher ein lautes Echo an der H\u00fcgelwand finden w\u00fcrde. Und dann, ja, dann w\u00fcrden sie \u201eangreifen&#8220;. Mit Gideons Hundertschaft im S\u00fcden w\u00fcrde der Feind, oder das, was Gott davon \u00fcbriglassen w\u00fcrde, nur eine Fluchtrichtung haben, n\u00e4mlich Richtung des Flusses Jordan hin\u00fcber. Fast konnte man das Rieseln der Sanduhr in Gideons Hand vernehmen, so still war es nun geworden. Eine gef\u00e4hrliche Situation, denn die M\u00e4nner waren schon lange auf ihren Beinen und M\u00fcdigkeit umgab so manchen wie ein fr\u00fchmorgendlicher Nebel. Doch dann, endlich, war auch das letzte Sandkorn durch die letzte Umdrehung der Sanduhr geronnen, die ihnen so viel Wartezeit bereitet hatte. Worte aus einer \u00dcberlieferung kamen Gideon in den Sinn, welche schon sein Gro\u00dfvater und sein Vater weitergegeben hatten. Und zu seinen Mitstreitern sprach er nun diese Worte Gottes, die Jahweh selber Joschua damals auf der \u00f6stlich gelegenen Seite des Jordans gesagt hatte. Er sprach gerade laut genug um hoffen zu k\u00f6nnen, dass auch der letzte Mann der Truppe die Ermutigung h\u00f6ren konnte: \u201eHabe ich dir nicht geboten: Sei stark und mutig? Erschrick nicht und f\u00fcrchte dich nicht! Denn mit dir ist Jahwe, dein Gott, wo immer du gehst.&#8220; (*y1) Wie eine Bekundung der Ermutigung-ging ein-zustimmendes Raunen durch die Kehlen der M\u00e4nner und auf eine weitere Handbewegung hin wurde es wieder mucksm\u00e4uschenstill und die M\u00e4nner setzten sich in Bewegung. Langsam und leise bewegten sich die Krieger Gottes in Richtung der Anh\u00f6he \u00fcber deren Kuppe Gideon und Pura zuvor schon gekrochen waren. Da kam Gideon ein Gedankenblitz, wie von Gottes Geist eingegeben. Wenn er mit seinen Hundert \u00fcber die Kuppe treten w\u00fcrde, w\u00fcrden sie wohl nicht mehr lange unentdeckt bleiben, denn auch so eine kleine Anzahl von M\u00e4nnern w\u00e4re nicht mit einer Baumgruppe zu verwechseln, selbst wenn der Mond nicht scheinen w\u00fcrde. Er gab ein Handzeichen, hockte sich hin, was ihm alle anderen ohne weitere Aufforderung gleichtaten. Er holte das verdeckte Glutlicht hervor und entz\u00fcndete seine Fackel. Die M\u00e4nner taten es ihm gleich und entz\u00fcndeten wiederum jeder seine Fackel an einer anderen an. Gideon wusste, dass sie jetzt nicht mehr viel Zeit hatten. Im Vertrauen auf den Herrn der Heerscharen, und dass sein Geist auch die Herzen und Augen der anderen beiden Anf\u00fchrer anr\u00fchren w\u00fcrde, stand er auf und schritt beh\u00e4nde und ohne weiteres Z\u00f6gern auf die H\u00fcgelkuppe. Seine M\u00e4nner hatten wohl verstanden, denn sie blieben hocken und schienen auf ein weiteres Zeichen zu warten. Gideon stand nun alleine und blo\u00df auf der Kuppe der kleinen Anh\u00f6he, vom Mond und der emporgestreckten Fackel beleuchtet. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, dass er so dastand, bis er nach einigen lang erscheinenden Minuten fast zeitgleich sowohl nordwestlich als auch nord\u00f6stlich des feindlichen Lagers das sah, was er erhofft hatte: Erst wenige, dann immer mehr leuchtende Punkte! Die Schlacht konnte also beginnen. Pura war bis zu Gideons Fersen vorgekrochen um zu sehen was sein Anf\u00fchrer nun wieder Verwegenes vorhatte. Gideon nickte ihm nur zu und Pura winkte den anderen Kriegern zu. Wie ein Mann standen sie auf und stellten sich in einer langen Reihe links und rechts neben Gideon auf. Gideon f\u00fchrte nun sein Horn zu seinem Mund und an seine Lippen, holte tief Luft und stie\u00df ohne weiteres \u00dcberlegen hinein. Ein lauter, dumpfer Ruf erklang aus dem Trichter des Widderhorns. Drei Mal lang, sieben Mal kurz, drei Mal lang: Tiiieh tiiieh tiiieh \u2014 ti ti ti ti ti ti ti \u2014 tiiieh tiiieh tiiieh. Wie ein Donnergrollen schwoll der Klang \u00fcber den Talkessel und wie ein doppelt so lautes Echo kehrte es von Nordost und Nordwest zur\u00fcck. Jetzt stimmten auch die M\u00e4nner Gideons mit in den Ruf der H\u00f6rner ein und als der Talkessel schon bebte, nach genau drei Zyklen des Hornschalls fingen alle 300 K\u00e4mpfer Gideons wie in eine lang einge\u00fcbten Choreographie einzufallen: entweder zerschmetterten sie ihre Tonkr\u00fcge zu ihren F\u00fc\u00dfen, bliesen weiter in das Horn oder begannen aus voller Kehle zu schreien: \u201eF\u00fcr Jahwe, und f\u00fcr Gideon, Schwert f\u00fcr Jahwe und Gideon!&#8220;. Dabei hielt ein jeder weiter seine Fackel in der linken Hand zum n\u00e4chtlichen Sternenhimmel gereckt. Ein ohrenbet\u00e4ubender L\u00e4rm erf\u00fcllte das ganze Tal, so, dass man das Geschrei, welches sich nun im Lager der Midianiter erhob, fast gar nicht h\u00f6rte. Die unkoordinierten Befehle der verschlafenen und teils betrunkenen Truppenf\u00fchrer, das Gebell der mitgef\u00fchrten Jagdhunde, das Geschrei der v\u00f6llig in Panik geratenen Packesel, das alles wurde v\u00f6llig \u00fcbert\u00f6nt von dem Get\u00f6se der drei Hundertschaften um Gideon. Gideon, selber von einem erhebenden Schaudern von den F\u00fc\u00dfen bis zum Scheitel erf\u00fcllt und gesch\u00fcttelt, hatte das Gef\u00fchl als w\u00fcrden die himmlischen Heere mit in das Horn blasen und anfeuernd mit in den Ruf einfallen: \u201eF\u00fcr Jahwe und f\u00fcr Gideon!&#8220; Ein geschickter Heerf\u00fchrer, der es versteht eine irdische Armee zu befehligen, h\u00e4tte sich den entstehenden Tumult im feindlichen Heerlager wahrscheinlich nur noch wenige Augenblicke mit Angeschaut und h\u00e4tte dann zum endg\u00fcltigen Angriff geblasen um den \u00dcberraschungseffekt g\u00e4nzlich nutzen zu k\u00f6nnen. Aber sowohl Gideon, als auch Arach und Zibja mit ihren jeweils hundert Mannen bewegten sich nicht von der Stelle, sondern schrien, bliesen und zerschmetterten weiter aus Leibeskr\u00e4ften, so wie es der HERR befohlen hatte. Ein kr\u00e4ftiger Wind kam nun von Westen auf. Es war ein k\u00fchler, schauererregender Wind. Es schien fast als w\u00fcrde der Wind von Westen her durch die Zelte tanzen, denn auf einmal brach dort im Zelt ein Feuer aus, dann dort, und dann wiederum dort, an einer anderen Stelle. Binnen weniger Momente standen etliche Gro\u00df- und Kleinzelte in Flammen. Es schien als habe der Wind den Auftrag \u00d6llichter in Zelten umzust\u00fcrmen. Gideon hielt kurz inne im Schreien und versuchte sein Geh\u00f6r auf das Lager zu konzentrieren. Im Augenwinkel konnte er beobachten, dass auch seinen M\u00e4nnern dieses au\u00dfergew\u00f6hnlichen Wehen nicht entgangen war-, und mit einer Handbewegung versuchte-er-ihnen-zu&#8212; -signalisieren, sie m\u00f6gen weiterrufen, aber ihre Stimmen etwas senken. Konzentriert starrte Gideon zu den Zelten und schloss dann doch kurz seine Augen um dem Geh\u00f6r mehr Raum zu schaffen. Tats\u00e4chlich, ja, er hatte sich nicht geirrt. Jetzt h\u00f6rte er es klarer. Schwerter klirrten gegen andere Klingen, Metall gegen Metall, dumpfe Rufe, lautere Schreie, ja, schmerzerf\u00fcllte Schreie. Die Soldaten im Lager schienen schlichtweg gegeneinander zu k\u00e4mpfen! Und in dem Moment war Gideon sich sehr sicher, dass Jahwe mit dem k\u00fchlen Wind aus Richtung des gro\u00dfen Meeres einen Geist, einen Engel der Verwirrung und des Chaos mit in das Lager geschickt hatte. Er malte sich vor seinen verschlossenen Augen aus, wie dieser Engel die Soldaten an ihren Haaren, ihren B\u00e4rten und den Kleidungsst\u00fccken zerrte, wie er den fast bemitleidenswerten Kerlen durch das Mark der Knochen fuhr, wie er ihnen Geh\u00e4ssigkeiten in die Ohren fl\u00fcsterte und sie wild herumkreiseln lie\u00df indem er auch an den Beinen und Armen der Soldaten zerrte. Gideon malte sich weiter aus, wie die Soldaten sich gegenseitig beschuldigten sich angerempelt, beleidigt und an den Haaren gezogen zu haben. Er stellte sich weiter vor, wie ein Wort auf das andere kam bis die verwirrten und ver\u00e4ngstigten M\u00e4nner nichts mehr wussten als auf ihre Kameraden einzuschlagen: Mit den F\u00e4usten, dann auch mit den Waffen. Ein heilloses Durcheinander musste in den Augen Gideons herrschen, und so war es auch. Die M\u00e4nner im feindlichen Heerlager griffen einander an und schlugen aufeinander ein als seien die Kameraden der \u00fcbelste Feind auf dieser Welt. Als Gideon nach und nach auch zunehmend den Geruch von frischem Blut wahrnahm, \u00f6ffnete er seine Augen wieder und pries den allm\u00e4chtigen Gott, den Herren der Heerscharen innerlich und stimmte wieder lauthals mit in das Rufen seiner M\u00e4nner ein \u2014 nicht, weil er dachte. dass er jetzt noch einen Unterschied machen w\u00fcrde, sondern mehr aus dem\u00fctiger Freude \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe und Herrlichkeit seines Gottes. Nun bemerkte Gideon seinen treuen Diener Pura neben sich, der mit Handzeichen signalisierte, er solle zum \u00f6stlichen Lager schauen. W\u00e4hrend das westliche Lager mittlerweile fast g\u00e4nzlich lichterloh brannte und dunkle Rauchwolken in den Nachthimmel wehten, erkannte Gideon was Pura ihm zeigen wollte.<br>Einzelne Soldaten hatten ihre Waffen gestreckt und flohen schnellen Schrittes, teilweise aber auch verletzt humpelnd aus dem Lager der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Verw\u00fcstung in Richtung nahendem Sonnenaufgang, in Richtung des Flusses Jordan. Sollten sie doch laufen diese Feiglinge. Weiter nord\u00f6stlich sah Gideon aber etwas, was ihn ein wenig mehr beunruhigte, denn er sah, dass sich die k\u00f6niglichen Kriegsbanner der Midianiter auch nach Osten bewegten. Wollten diese feigen Herrscher nun mit den ersten Fl\u00f6hen schon den selbstgew\u00e4hlten Schauplatz verlassen? Er konnte erkennen, dass sich hinter den Bannern einige Fu\u00dfsoldaten zusammengezogen hatten um den k\u00f6niglichen Abzug abzusichern. Gideon nickte Pura erkennend zu und nahm nun selber sein Horn wieder zur Hand, holte Luft und blies hinein: Drei Mal lang, den letzten Sto\u00df so lang hinausziehend bis ihm die Puste ausging. Er setzte ab, holte erneut tief Luft und stie\u00df ein weiteres Stakkato aus. Dies war das ausgemachte Zeichen um in das Lager vorzur\u00fccken. Gleichzeitig war es das Zeichen f\u00fcr vorher ausgew\u00e4hlte, schnelle Fu\u00dfl\u00e4ufer, je zwei aus jeder Hundertschaft, die nun als Boten ausziehen w\u00fcrden, hin zu den umliegenden St\u00e4mmen Israels. Zwar hatten die 300 des Gideon die Zerst\u00f6rung des Lagers bewirkt, doch in seiner eigenen Weisheit hatte Gideon vorausgesehen, dass es zu einer Fluchtsituation kommen k\u00f6nnte und er war sich sicher, dass es besser w\u00e4re die Verfolgung der fliehenden mit dann doch einem gr\u00f6\u00dferen Heer aufzunehmen. So liefen nun Boten zu den St\u00e4mmen Naftali, nach Asser, und Manasse. Einen besonders schnellen Boten hatte Gideon ausgew\u00e4hlt, der den Auftrag hatte hinauf in das Gebirge Ephraim zu laufen um auszurichten: \u201eKommt herab, Midian entgegen!&#8220; Gideon merkte wie die Nacht langsam wich, Tau legte sich auf den blutigen Untergrund im Lager, ein leichter Nebel bildete sich, die ersten Sonnenstrahlen f\u00e4rbten den \u00f6stlichen Horizont so blutrot wie den Untergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Einiges hatte Gideon aber nicht bedacht\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gideon und seine 300 Der Mond stand in voller Scheibe und Helligkeit im S\u00fcdosten. Nur ein paar Schleierwolken beeintr\u00e4chtigten die Stahlkraft von Zeit zu Zeit als die beiden M\u00e4nner \u00fcber die Kuppe des letzten H\u00fcgelausl\u00e4ufers des Gilboagebirges krochen, versucht immer im Schutze der wenigen B\u00fcsche zu kauern. Sie ahnten was sie erwarten w\u00fcrde. 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