Gideon und seine 300
Der Mond stand in voller Scheibe und Helligkeit im Südosten. Nur ein paar Schleierwolken beeinträchtigten die Stahlkraft von Zeit zu Zeit als die beiden Männer über die Kuppe des letzten Hügelausläufers des Gilboagebirges krochen, versucht immer im Schutze der wenigen Büsche zu kauern. Sie ahnten was sie erwarten würde. Der hagere und kleingewachsene Mann, der scheinbar das Kommando in dem ungleichen Männerpaar hatte, schaute seinen hünenhaften dunkelhäutigen Begleiter vielsagend an und deutete mit seinem nur spärlich mit Bart bewachsenem Kinn zu einer Gruppe von Terebinthen am Fuße des Hügels und raunte seinem Begleiter zu: „Pura, das sieht aussichtslos aus, aber der HERR hat uns befohlen, dass wir hinuntergehen und die Lage auskundschaften.“ Ja, es schien tatsächlich aussichtslos, denn unten, im Tal des Hügels More, lagerte über eine Fläche von gut 10.000 auf 10.000 Ellen das Heer der Midianiter. Wenn es nicht das feindliche Heer gewesen wäre, hätte man dieser lauen Nacht und der Atmosphäre sicherlich etwas abgewinnen können. Überall brannten vor den unzähligen Zelten Fackeln. Es roch nach erst kürzlich gebratenem Fleisch und Fladenbrot, und noch weit hinter der Kuppe des Hügels More konnte man im Mondschein den Berg Tabor im Norden erkennen. Aber Tatsache war, dass hier sicherlich 135.000 mit Schwertern, Speeren und Schild gerüstete, streitsüchtige Krieger der Könige von Midian lagerten. Schon sieben Jahre bedrückten nun die Midianiter das Volk Israel; jetzt aber schien diese Armee unter den Königen Sebach und Zalmunna Israel den völligen Garaus machen zu wollen und den Abiäsrietern aus dem Stamm Manasse zu allererst, denn aus diesem Geschlecht stammte Gideon. Gideon schauderte ein wenig bei dem Gedanken jetzt hinunterzuschleichen, dort zum Heerlager des Feindes. Aber seit ihm der Engel des lebendigen Gottes vor einiger Zeit persönlich erschienen war und sogar mit ihm gesprochen hatte, wuchs das Zutrauen in die Güte und die Liebe Jahwes zu seinem erwählten Volk wieder. Auf verschiedenste Art und Weise durfte er in letzte Zeit erfahren wie sein gnädiger Gott seinen Glauben langsam und behutsam durch große und kleinere Wunder wiederaufgebaut hatte. Heute wusste Gideon, dass der HERR mit ihm war, denn er fühlte sich auf seltsame Art vom Geist Gottes umkleidet und innerlich mit Zuversicht ausgestattet. Zuversicht und Glaube an Gottes Wirken im Kampf gegen dieses riesige Heer schien ihm auch durchaus angebracht, denn was hatte Gideon aufzuweisen, was hatte er entgegenzusetzen gegen diese Überzahl? Der Engel des Herrn hatte ihm, dem Feldarbeiter, zugesichert, dass er das Heer der Midianiter in seine Hand geben würde und er es wie einen Mann schlagen würde. So hatte er in das Horn stoßen lassen und seine Familie gesammelt, er hatte Boten ausgesendet durch den ganzen Stamm Manasse, durch Asser, Sebulon und Naftali. Und sie waren heraufgezogen, dem feindlichen Heer entgegen. Mit 32.000 mehr oder minder gut geübten und gerüsteten Männern, im Vertrauen auf Jahwe, den sie angerufen hatten wegen ihrer Not, die die Midianiter doch über Israel gebracht hatten, waren sie hinaufgezogen zu dem Lagerplatz in der Nähe der Quelle Harod, direkt am Fuße des Berges Gibeon. Doch nun erinnerte sich Gideon mit einem leicht flauen Gefühl im Bauch, dass dort, wo einstmals 32.000 lagerten, jetzt noch exakt 300 Mann auf seine Rückkehr von der Auskundschaftung des Feindes warteten. Gideon durfte sich wieder eingestehen, dass es bei diesem Kriegszug weder um seine eigene Ehre noch um Manneskraft gehen würde. Nein, nichts anderes sollte passieren, als dass der lebendige Gott sich selber durch sein Eingreifen verherrlichen würde — so wie er es schon damals in Refidim getan hatte als Amalek heraufgezogen war um das durch die Wüste ziehende Volk Israel zu vernichten. Der HERR würde auch heute das Banner des Sieges sein! 300 warteten auf seine Rückkehr, gerüstet mit Fackeln, Hörnern und Tonkrügen. „Was für eine heldenhafte Truppe“, ging es Gideon durch den Kopf, „was für eine heldenhafte Truppe!“ Auserlesen von Gott selber waren diese bereit sich auf seinen Plan einzulassen, auserwählt aus den 32.000 dadurch, dass sie ihren Durst an der Quelle Harod auf eine andere Art stillten als ihre Stammes- und Volksbrüder. Sie hatten das erfrischende Wasser aus der hohlen Hand geleckt und nicht wie die anderen, knieend, direkt aus dem Bach schlürfend. Und diese 300 waren sich nicht einmal bewusst gewesen, dass sie auserwählt würden, bis Gott selber Gideon den Befehl gab sie auszusondern. Diese 300 wollten Jahwe wohl genügen um das Heer der 135.000 zu demütigen und zu zerschlagen. Ein Wink von Pura, seinem hünenhaften Knecht, riss Gideon aus seinem gedanklichen Ausflug in die vergangenen Stunden. Pura, der Sohn der verwitweten Nachbarin, hatte sich vor wenigen Monaten angeboten als Knecht bei Gideons Familie zu arbeiten, damit seine Mutter jetzt während diesen schweren Zeiten des Hungers und der Unterdrückung ihre Felder nicht verkaufen müsste. Und auch wenn Gideons Familie selber nur gerade genug hatte zum Überleben, vertrauten sie doch auf Gottes Wort, dass wer seinem Nachbar in der Not hilft dadurch selber keine Not leiden würde. So war sein früherer Kindheitsfreund nun sein Knecht auf Zeit. Nur bis zu dem Zeitpunkt, da er sich wieder würde selber versorgen können. Pura schaute Gideon nun fragend an und Gideon nickte ihm beschwichtigend zu. Die beiden krochen nun, sich so dicht wie möglich auf den Boden drückend, zu der Gruppe von Terebinthen am Fuße des Hügels. Der HERR hatte ihm den Auftrag gegeben zum Lager zu schleichen um zu lauschen was gesprochen würde. Kaum waren die beiden nah genug zu den Zelten herangekrochen, so, dass sie gerade wagen konnten sich etwas gemütlicher hinzuhocken und besseren Überblick über die Situation zu bekommen, fingen auch schon zwei Wachen wie auf das Zeichen einer unsichtbaren Macht hin, an sich leise zu unterhalten. Ganz nüchtern schienen die beiden nicht, denn ihre Stimmen klangen belegt und verzögert, vielleicht war es aber auch Angst die im Reden mitschwang: „Eldaa, Gott sei mein Zeuge, ich habe vorhin geträumt.“, hob der eine an, gerade laut genug dass die Worte durch den Wind getragen bis an die Ohren der Lauschenden drang; „Ich habe geträumt, ein Laib Gerstenbrot, hoch wie der Berg Tabor selber, rollte in unser Heerlager und es kam bis an die Zelte der Könige und schlug es nieder. Alles wurde zerstört, das ganze Lager hat er überrollt und das Oberste nach unten und das Unterste zuoberst geschlagen. Und als der Laib zur Ruhe kam, war alles zerstört und der Laib nicht größer als zwei Handbreit… was das nur zu bedeuten hat?“ Mit stockender Stimme hob nun der eben Angesprochene an: „Hamor, du Esel, das ist wohl nichts anderes als das Schwert Gideons, des Mannes von Israel! Gott hat Midian und das ganze Heerlager in seine Hand gegeben! Vielleicht sollten wir dem Heer den Rücken kehren, nur wohin sollen wir fliehen?“ Als Gideon diese Worte der zwei tatsächlich vor Angst zitternden Wachen hörte, fiel er aus seiner hockenden Position voran auf seine Knie, erhob seine Arme andeutend zum Himmel und sendete ein stilles Dankgebet zu seinem anbetungswürdigen Herrn, dem Herrn der Heerscharen. „Auf, zurück ins Lager“ raunte Gideon so leise wie möglich seinem Freund, Gefährten und Knecht Pura zu. „Wir holen die anderen, und dann beweisen wir diesen Mistkäfern wie recht sie haben. Der HERR hat Midian und seine hochmütigen Vasallen in meine Hände gegeben.“ Euphorisiert schlichen die beiden bis zur Kuppe des Hügels zurück und liefen den Rest des Weges im strammen Schnellschritt in ihr kleines Lager zurück. Die aufbruchsbereiten Waffenbrüder warteten schon unruhig auf ihre Rückkehr. Als Gideon und Pura in das Lager kamen und Gideon seine Truppe betrachtete musste er unwillkürlich wieder innerlich seufzen und er dachte so bei sich: „Ja, was für eine heldenhafte Truppe!“ Denn das waren sie auch, heldenhaft und voller Vertrauen, sogar so voll Vertrauen, dass auch keiner der auserwählten Kämpfer auch nur im Ansatz hinterfragt hatte was Gideon ihnen über Gottes glorreichen Plan verkündet hatte. Sie würden nur mit leichter Schutzrüstung aus derbem Leder und bewaffnet mit Fackeln, Tonkrügen und Hörnern losziehen. Die Waffen wie Dolche oder Piken und Schwerter würden sie im Lager zurücklassen und nach ihrer siegreichen Rückkehr wieder aufsammeln. Es war alles vorher schon besprochen worden. Auf ein stilles Handzeichen Gideons, das signalisierte, dass alles so ablaufen würde wie geplant, sammelte sich eine Hundertschaft der Männer die Pura ausgewählt hatte um Gideon. Zwei weitere Abteilungen ä jeweils auch 100 Mann sammelten sich um deren bestimmten Anführer. Jeder der Anführer führte ein verdecktes Glutlicht bei sich um die Fackeln seiner jeweiligen Hundertschaft entfachen zu können, wenn sie an ihrem jeweiligen Ausgangs- und Eingriffsort angekommen wären. Eine gespannte Stimmung legte sich über das Lager. Nur ei Käuzchen wusste etwas, das jetzt noch erzählt werden musste! Im Mondlicht der mittleren Nachtwache sah man die Gesichter der Männer, teils angespannt, teils freudig, aber allesamt mit dem entschlossenen Ausdruck der Bereitschaft. Ein weiteres Handzeichen Gideons setzte die Hundertschaften in Bewegung; zumindest zwei von ihnen. Gideon mit seinen Mannen würde ab jetzt die kleine Sanduhr noch insgesamt fünf Mal durchlaufen lassen, bevor auch sie sich in Bewegung setzen würden, denn sie hatten den kürzesten Weg zu ihrem Eingriffspunkt. Es war der gleiche Ort wie zuvor der Lauschposten. Arach und Zibja aber würden ihre Abteilungen an Jesreel vorbei, westlich um das feindliche Heerlager herumführen. Einen Bogen würden sie beschreiten, der sicher die Zeit einer halben Wachzeit in Anspruch nehmen würde. Arach war schnelles, auf ein Ziel hin konzentriertes Gehen im Gelände gewöhnt, denn er war „Bote zwischen den Orten“, was bedeutete, dass er täglich Nachrichten zwischen den Ortschaften verkündete. Das führte dazu, dass er wahrlich geübt im Wandern, auch nachts, war. Was Arach an Kondition hatte, hatte Zibja an Agilität und Flinkheit zu bieten. Er war klein und drahtig, behände, flink eben. Ein echter Hirte, der seine Herde immer im Blick hatte und sie zusammenhielt. Die beiden Hundertschaften würden sich jetzt zu je hundert nordwestlich des Lagers, nahe der heimischen Ortschaft Ofra, und nordöstlich am Fuße des Hügels More einfinden und auf das Signalhorn von Gideon warten, welches in dieser klaren Nacht sicher ein lautes Echo an der Hügelwand finden würde. Und dann, ja, dann würden sie „angreifen“. Mit Gideons Hundertschaft im Süden würde der Feind, oder das, was Gott davon übriglassen würde, nur eine Fluchtrichtung haben, nämlich Richtung des Flusses Jordan hinüber. Fast konnte man das Rieseln der Sanduhr in Gideons Hand vernehmen, so still war es nun geworden. Eine gefährliche Situation, denn die Männer waren schon lange auf ihren Beinen und Müdigkeit umgab so manchen wie ein frühmorgendlicher Nebel. Doch dann, endlich, war auch das letzte Sandkorn durch die letzte Umdrehung der Sanduhr geronnen, die ihnen so viel Wartezeit bereitet hatte. Worte aus einer Überlieferung kamen Gideon in den Sinn, welche schon sein Großvater und sein Vater weitergegeben hatten. Und zu seinen Mitstreitern sprach er nun diese Worte Gottes, die Jahweh selber Joschua damals auf der östlich gelegenen Seite des Jordans gesagt hatte. Er sprach gerade laut genug um hoffen zu können, dass auch der letzte Mann der Truppe die Ermutigung hören konnte: „Habe ich dir nicht geboten: Sei stark und mutig? Erschrick nicht und fürchte dich nicht! Denn mit dir ist Jahwe, dein Gott, wo immer du gehst.“ (*y1) Wie eine Bekundung der Ermutigung-ging ein-zustimmendes Raunen durch die Kehlen der Männer und auf eine weitere Handbewegung hin wurde es wieder mucksmäuschenstill und die Männer setzten sich in Bewegung. Langsam und leise bewegten sich die Krieger Gottes in Richtung der Anhöhe über deren Kuppe Gideon und Pura zuvor schon gekrochen waren. Da kam Gideon ein Gedankenblitz, wie von Gottes Geist eingegeben. Wenn er mit seinen Hundert über die Kuppe treten würde, würden sie wohl nicht mehr lange unentdeckt bleiben, denn auch so eine kleine Anzahl von Männern wäre nicht mit einer Baumgruppe zu verwechseln, selbst wenn der Mond nicht scheinen würde. Er gab ein Handzeichen, hockte sich hin, was ihm alle anderen ohne weitere Aufforderung gleichtaten. Er holte das verdeckte Glutlicht hervor und entzündete seine Fackel. Die Männer taten es ihm gleich und entzündeten wiederum jeder seine Fackel an einer anderen an. Gideon wusste, dass sie jetzt nicht mehr viel Zeit hatten. Im Vertrauen auf den Herrn der Heerscharen, und dass sein Geist auch die Herzen und Augen der anderen beiden Anführer anrühren würde, stand er auf und schritt behände und ohne weiteres Zögern auf die Hügelkuppe. Seine Männer hatten wohl verstanden, denn sie blieben hocken und schienen auf ein weiteres Zeichen zu warten. Gideon stand nun alleine und bloß auf der Kuppe der kleinen Anhöhe, vom Mond und der emporgestreckten Fackel beleuchtet. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, dass er so dastand, bis er nach einigen lang erscheinenden Minuten fast zeitgleich sowohl nordwestlich als auch nordöstlich des feindlichen Lagers das sah, was er erhofft hatte: Erst wenige, dann immer mehr leuchtende Punkte! Die Schlacht konnte also beginnen. Pura war bis zu Gideons Fersen vorgekrochen um zu sehen was sein Anführer nun wieder Verwegenes vorhatte. Gideon nickte ihm nur zu und Pura winkte den anderen Kriegern zu. Wie ein Mann standen sie auf und stellten sich in einer langen Reihe links und rechts neben Gideon auf. Gideon führte nun sein Horn zu seinem Mund und an seine Lippen, holte tief Luft und stieß ohne weiteres Überlegen hinein. Ein lauter, dumpfer Ruf erklang aus dem Trichter des Widderhorns. Drei Mal lang, sieben Mal kurz, drei Mal lang: Tiiieh tiiieh tiiieh — ti ti ti ti ti ti ti — tiiieh tiiieh tiiieh. Wie ein Donnergrollen schwoll der Klang über den Talkessel und wie ein doppelt so lautes Echo kehrte es von Nordost und Nordwest zurück. Jetzt stimmten auch die Männer Gideons mit in den Ruf der Hörner ein und als der Talkessel schon bebte, nach genau drei Zyklen des Hornschalls fingen alle 300 Kämpfer Gideons wie in eine lang eingeübten Choreographie einzufallen: entweder zerschmetterten sie ihre Tonkrüge zu ihren Füßen, bliesen weiter in das Horn oder begannen aus voller Kehle zu schreien: „Für Jahwe, und für Gideon, Schwert für Jahwe und Gideon!“. Dabei hielt ein jeder weiter seine Fackel in der linken Hand zum nächtlichen Sternenhimmel gereckt. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllte das ganze Tal, so, dass man das Geschrei, welches sich nun im Lager der Midianiter erhob, fast gar nicht hörte. Die unkoordinierten Befehle der verschlafenen und teils betrunkenen Truppenführer, das Gebell der mitgeführten Jagdhunde, das Geschrei der völlig in Panik geratenen Packesel, das alles wurde völlig übertönt von dem Getöse der drei Hundertschaften um Gideon. Gideon, selber von einem erhebenden Schaudern von den Füßen bis zum Scheitel erfüllt und geschüttelt, hatte das Gefühl als würden die himmlischen Heere mit in das Horn blasen und anfeuernd mit in den Ruf einfallen: „Für Jahwe und für Gideon!“ Ein geschickter Heerführer, der es versteht eine irdische Armee zu befehligen, hätte sich den entstehenden Tumult im feindlichen Heerlager wahrscheinlich nur noch wenige Augenblicke mit Angeschaut und hätte dann zum endgültigen Angriff geblasen um den Überraschungseffekt gänzlich nutzen zu können. Aber sowohl Gideon, als auch Arach und Zibja mit ihren jeweils hundert Mannen bewegten sich nicht von der Stelle, sondern schrien, bliesen und zerschmetterten weiter aus Leibeskräften, so wie es der HERR befohlen hatte. Ein kräftiger Wind kam nun von Westen auf. Es war ein kühler, schauererregender Wind. Es schien fast als würde der Wind von Westen her durch die Zelte tanzen, denn auf einmal brach dort im Zelt ein Feuer aus, dann dort, und dann wiederum dort, an einer anderen Stelle. Binnen weniger Momente standen etliche Groß- und Kleinzelte in Flammen. Es schien als habe der Wind den Auftrag Öllichter in Zelten umzustürmen. Gideon hielt kurz inne im Schreien und versuchte sein Gehör auf das Lager zu konzentrieren. Im Augenwinkel konnte er beobachten, dass auch seinen Männern dieses außergewöhnlichen Wehen nicht entgangen war-, und mit einer Handbewegung versuchte-er-ihnen-zu— -signalisieren, sie mögen weiterrufen, aber ihre Stimmen etwas senken. Konzentriert starrte Gideon zu den Zelten und schloss dann doch kurz seine Augen um dem Gehör mehr Raum zu schaffen. Tatsächlich, ja, er hatte sich nicht geirrt. Jetzt hörte er es klarer. Schwerter klirrten gegen andere Klingen, Metall gegen Metall, dumpfe Rufe, lautere Schreie, ja, schmerzerfüllte Schreie. Die Soldaten im Lager schienen schlichtweg gegeneinander zu kämpfen! Und in dem Moment war Gideon sich sehr sicher, dass Jahwe mit dem kühlen Wind aus Richtung des großen Meeres einen Geist, einen Engel der Verwirrung und des Chaos mit in das Lager geschickt hatte. Er malte sich vor seinen verschlossenen Augen aus, wie dieser Engel die Soldaten an ihren Haaren, ihren Bärten und den Kleidungsstücken zerrte, wie er den fast bemitleidenswerten Kerlen durch das Mark der Knochen fuhr, wie er ihnen Gehässigkeiten in die Ohren flüsterte und sie wild herumkreiseln ließ indem er auch an den Beinen und Armen der Soldaten zerrte. Gideon malte sich weiter aus, wie die Soldaten sich gegenseitig beschuldigten sich angerempelt, beleidigt und an den Haaren gezogen zu haben. Er stellte sich weiter vor, wie ein Wort auf das andere kam bis die verwirrten und verängstigten Männer nichts mehr wussten als auf ihre Kameraden einzuschlagen: Mit den Fäusten, dann auch mit den Waffen. Ein heilloses Durcheinander musste in den Augen Gideons herrschen, und so war es auch. Die Männer im feindlichen Heerlager griffen einander an und schlugen aufeinander ein als seien die Kameraden der übelste Feind auf dieser Welt. Als Gideon nach und nach auch zunehmend den Geruch von frischem Blut wahrnahm, öffnete er seine Augen wieder und pries den allmächtigen Gott, den Herren der Heerscharen innerlich und stimmte wieder lauthals mit in das Rufen seiner Männer ein — nicht, weil er dachte. dass er jetzt noch einen Unterschied machen würde, sondern mehr aus demütiger Freude über die Größe und Herrlichkeit seines Gottes. Nun bemerkte Gideon seinen treuen Diener Pura neben sich, der mit Handzeichen signalisierte, er solle zum östlichen Lager schauen. Während das westliche Lager mittlerweile fast gänzlich lichterloh brannte und dunkle Rauchwolken in den Nachthimmel wehten, erkannte Gideon was Pura ihm zeigen wollte.
Einzelne Soldaten hatten ihre Waffen gestreckt und flohen schnellen Schrittes, teilweise aber auch verletzt humpelnd aus dem Lager der immer größer werdenden Verwüstung in Richtung nahendem Sonnenaufgang, in Richtung des Flusses Jordan. Sollten sie doch laufen diese Feiglinge. Weiter nordöstlich sah Gideon aber etwas, was ihn ein wenig mehr beunruhigte, denn er sah, dass sich die königlichen Kriegsbanner der Midianiter auch nach Osten bewegten. Wollten diese feigen Herrscher nun mit den ersten Flöhen schon den selbstgewählten Schauplatz verlassen? Er konnte erkennen, dass sich hinter den Bannern einige Fußsoldaten zusammengezogen hatten um den königlichen Abzug abzusichern. Gideon nickte Pura erkennend zu und nahm nun selber sein Horn wieder zur Hand, holte Luft und blies hinein: Drei Mal lang, den letzten Stoß so lang hinausziehend bis ihm die Puste ausging. Er setzte ab, holte erneut tief Luft und stieß ein weiteres Stakkato aus. Dies war das ausgemachte Zeichen um in das Lager vorzurücken. Gleichzeitig war es das Zeichen für vorher ausgewählte, schnelle Fußläufer, je zwei aus jeder Hundertschaft, die nun als Boten ausziehen würden, hin zu den umliegenden Stämmen Israels. Zwar hatten die 300 des Gideon die Zerstörung des Lagers bewirkt, doch in seiner eigenen Weisheit hatte Gideon vorausgesehen, dass es zu einer Fluchtsituation kommen könnte und er war sich sicher, dass es besser wäre die Verfolgung der fliehenden mit dann doch einem größeren Heer aufzunehmen. So liefen nun Boten zu den Stämmen Naftali, nach Asser, und Manasse. Einen besonders schnellen Boten hatte Gideon ausgewählt, der den Auftrag hatte hinauf in das Gebirge Ephraim zu laufen um auszurichten: „Kommt herab, Midian entgegen!“ Gideon merkte wie die Nacht langsam wich, Tau legte sich auf den blutigen Untergrund im Lager, ein leichter Nebel bildete sich, die ersten Sonnenstrahlen färbten den östlichen Horizont so blutrot wie den Untergrund.
Einiges hatte Gideon aber nicht bedacht…